Offener Brief an Euch europäische Footballspieler!

24.04.2015

An Euch Footballspieler. Ich war der Head Coach der Holzgerlingen Twister, einer Mannschaft der GFL2. Wir hatten schöne Momente und Siege, wir hatten schlechte Momente und Niederlagen – aber deswegen schreibe ich Euch nicht. Ich arbeite Vollzeit, wie die meisten von Euch, Football ist „nebenher“…naja, dieses „nebenher“ gilt wohl nur für die monetäre Entschädigung der aufgewendeten Zeit, den es gibt keine monetäre Entschädigung. Für die aufgebrachte Zeit und Mühe war es de facto ein zweiter Vollzeitberuf mit einer gewissen Lebenseinstellung.

Eigentlich müsste man richtigerweise sagen, es ist ein Hobby. Doch dieses Wort „Hobby“ mag ich nicht…dafür nehme ich diesen Sport zu ernst! Viele von Euch auch. Nennen wir es mal Leidenschaft. Das trifft es besser! Gleiches gilt für die Coaches im Team. Auch für die Leute die am Gameday freiwillig am Grill stehen während ihr Sohn spielt oder die Tochter mit den anderen Cheerleadern das Team anfeuert. Auch für die Leute die das Feld aufbauen, das Spiel filmen, an der Kasse sitzen, die Wassertonnen auffüllen, die Chain bedienen oder den Bericht zum Spiel noch am selben Abend schreiben, damit in der morgigen Ausgabe der Lokalzeitung vielleicht was über das heutige Spiel steht – vielleicht sogar mit einem kleinen Bild. Das wäre toll! Hm, doch erst in der Mittwochsausgabe, aber immerhin.

Ich will Euch was erzählen. Ich hatte das Privileg nun mehrere Jahre eines der besten Collegeteams überhaupt zu besuchen. Ich durfte in den Meetings sitzen, beim Training zuschauen, sogar beim Training eine kleine Rolle haben. Ich durfte den wohl imponierendsten Kraftraum der USA sehen und nutzen, sehen was es an Technologien für Football gibt, in den gelabelten Besprechungsräumen der Positionsgruppen sitzen. Viele tolle Leute sind dort, tolle Coaches und man spürt Football überall. Wirklich, die nehmen das auch sehr ernst. SEHR ERNST! Ich habe den Equipmentraum gesehen. Toll! Vier Meter hohe Schränke, elektronisch gesteuert und alles was das Footballherz begehrt. Oder den Reha-Bereich mit seinen Pools und Vakuumlaufbändern. Ja, der war Hammer. Träum! Die Kinnlade liegt Dir beim ersten Mal auf dem Boden, es ist beeindruckend.

Nun, auch dort arbeiten und spielen Menschen die neugierig sind. Die fragten mich wie denn Football in Europa so ist. Hm…Du schmunzelst und sagst: „…nicht Vergleichbar mit hier!“…das stimmt auch. Dann erzähl ich, dass ihr Euer Equipment selber kauft. Ach, und Mitgliedsbeitrag bezahlt, damit wir mit dem Bus zu den Auswärtsspielen fahren können. Die Leute dort finden es sehr erstaunlich, dass ihr abends nach der Arbeit, der Uni oder nach dem Abendessen mit Eurer Familie nochmal auf den Platz geht um für das Spiel am Wochenende zu trainieren. Ich habe dann auch noch erzählt, dass ihr am Wochenende viele Stunden im Bus sitzt, Football spielt, und am nächsten Morgen zur Frühschicht müsst. Oder das Euer Sohn am Spieltag Geburtstag hat, ihr aber trotzdem mit dem Team zum Auswärtsspiel fahrt. Hmmmm…ja und das am Montag Euch die Schulter und das Knie weh tut von dem einen Tackle und ihr trotzdem zur Arbeit müsst anstatt zur Reha…nun, das habe ich auch erzählt.

Und plötzlich merke ich, dass mir wieder die Kinnlade runterfällt. Denn wenn ich den Menschen dort erzähle was ihr alles aufgebt, opfert und was ihr an Zeit, Geld und Willen in diesen Sport steckt, der auf unserem Kontinent nur Amateurniveau erreicht, bestenfalls, dann frage ich mich wer diesen Sport mehr liebt? Derjenige der die Sachen die ihm geboten werden für Selbstverständlich nimmt, oder derjenige der sogar dafür bezahlt um zu spielen. Es ist die Wahrheit wenn ich sage, dass ein toller Mensch und Coach dieses Collegeteams mich auf diesen Gedanken gebracht hat und er begeistert von Euch ist! Die anderen Coaches übrigens auch! Und nicht falsch verstehen: Auch dort wissen viele junge Spieler in was für einer privilegierten Welt sie sich befinden!

Ich kann meine Gedanken nicht anders verfassen als wie jetzt geschrieben, aber das was ich am meisten bei meinen Besuchen in USA gelernt habe ist, wie ernst IHR, die europäischen Spieler, diesen Sport nehmt und wie sehr ihr ihn lieben müsst um all die Leidenschaft aufzubringen.

Für die meisten von Euch beginnt jetzt die Saison 2015. Siege und Niederlagen lassen Euch wachsen, das gehört zum Spiel. Für mich persönlich ist am wichtigsten, dass ihr alle am Montag wieder zur Arbeit, Schule oder Uni gehen könnt, also gesund bleibt! Und wenn ihr Euch weiterhin dem Sport widmet, mit allem was dazu gehört, dann werden wir in 10 Jahren nochmal 10 europäische NFL Spieler haben. Vielleicht, sehr wahrscheinlich, wird das keiner sein der diese Nachricht heute liest. Aber vielleicht ist es ein kleiner Bruder, ein Jugendspieler oder ein Fan der am Wochenende im Publikum sitzt und wie ihr sein will. Er will Eure Nummer tragen und imitiert Euch nach. Er heult den Eltern die Ohren voll damit er zum Spiel darf und wenn er abends im Bett liegt träumt er davon so zu spielen wie ihr. Unterschätzt niemals Euren Einfluss!

Das wollte ich Euch sagen, egal welchen Helm ihr tragt. Battled Euch auf dem Feld, versucht besser zu sein als Euer Gegenüber und geniest jeden Moment auf dem Feld. Er wird Euch fehlen irgendwann!

Und seid Euch bewusst, das ihr in Punkto Leidenschaft niemanden nachsteht. Mit Sicherheit nicht!

Ich wünsche Euch alles Gute für die Saison.