American Football: Holzgerlinger Höhenflüge mit System

25.09.2013

Von unserem Redakteur Jürgen Wegner

Nur ein paar Zentimeter weiter links, und alles wäre futsch. 850 Zuschauern stockt der Atem. Zum Glück ist Ingolstadts Sammy Farghall kein Spielverderber. Fünf Sekunden vor Schluss geht sein Fieldgoal-Versuch daneben, es bleibt beim 24:23 für Holzgerlingen. Die Twister sind zurück in der 2. Liga. Heiko Schober verdrückt eine Träne.

Für den stellvertretenden Abteilungsleiter geht die Arbeit jetzt erst so richtig los. Die Twister sind im Vergleich zu den anderen Zweitliga-Teams ganz anders. „Dort spielt auf jeder Schlüsselposition ein Import-Amerikaner. Einen Quarterback für ein halbes Jahr nach Holzgerlingen zu holen, könnten wir uns doch gar nicht leisten. Da hängt dann auch immer eine Wohnung, ein Arbeitsplatz und ein bisschen Wohlfühlumfeld dran. Dafür haben wir kein Geld“, sagt Heiko Schober.

Ein bisschen spürt er da zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Um den Klassenerhalt zu erreichen, wäre ein Profi auf der Spielmacherposition sicher nicht verkehrt. Und auch die Mannschaft hätte wohl nichts dagegen, wenn sie dadurch das eine oder andere Spiel mehr gewinnen würde. Andererseits würde das zu den Strukturen rund um den „Beach“, wie die Twister ihre Heimspielstätte nennen, auch überhaupt nicht passen. In Holzgerlingen spielt eine gewachsene Abteilung American Football und keine Zirkustruppe mit saisonal wechselnden Schwergewichts-Artisten.

Einige Zahlen: Nächstes Jahr feiern die Holzgerlinger ihr 25-jähriges Bestehen. Aus der Ein- oder Zwei-Mann-Show von einst hat sich mittlerweile ein 25-köpfiges Team gebildet, das im Hintergrund die Strippen zieht. Abteilungsleiter Sascha Blumenhagen weiß eine 220 Mitglieder starke Football-Familie im Rücken. 112 Jugendliche sorgen von den Flaggies über die C- und B-Mannschaft bis zu den Juniors für Raumgewinn. Dazu kommt auch noch die Damenmannschaft.

Das alles hat klare Struktur. Mario Campos Neves ist nicht nur Cheftrainer der erfolgreichen Aktivenmannschaft, sondern gibt als sportlicher Leiter auch eine konsequente Linie vor. Von den Kleinsten bis zu den 120-Kilogramm-Kleiderschränken spielen die Twister die gleiche Art Football. „Und wir legen beim Nachwuchs Wert auf gute Trainer“, sagt Heiko Schober. So ist Quarterback Christoph Münster auch Cheftrainer der A-Jugend, während Heiko Schobers Sohn Patrick – er spielt in der Ersten als Wide Receiver – mit den Flaggies den Kleinsten Flügeln verleiht.

Diese Arbeit trägt in Höhe und Breite Früchte. Nach Simon Butsch 2011 schaffte es mit Thomas Williams Jr. der zweite Holzgerlinger in die U19-Nationalmannschaft. Vom 57-Mann-Kader der Aufstiegstruppe sind 83 Prozent Eigengewächse, 64 Prozent haben in der eigenen Jugend gefangen, geworfen und getackelt. Diese Philosophie schafft Identifikation. Beim letzten Bankett zur Saisoneröffnung wünschten sich 350 Mitglieder, Angehörige und Freunde eine gesunde und erfolgreiche Spielzeit.

Solch eine Truppe kann Einiges bewegen und sehr kreativ sein. Über kurze Wege stockten die Twister die Ausrüstung auf und schafften Blockschlitten und Dummys als Ramm-Puppen für die Trainingsarbeit an. Erstliga-Gasttrainer bieten Sondereinheiten an. Trainingswochenenden bei den Swarco Raiders in Tirol und damit bei einer Top-Adresse in Europa sind längst Standard.

Aus all diesen Gründen glaubt Heiko Schober, dass das Team im Vergleich zum letzten Zweitliga-Gastspiel noch stärker ist. 2011 landeten die Twister im Mittelfeld, darauf folgte der Abstieg. Die weitere Zielplanung: „Erst den Klassenerhalt, dann in der zweiten Liga oben mitspielen und mittelfristig der Topverein in Baden-Württemberg werden. Uns ist aber klar, dass wir dafür irgendwann auch starke Sponsoren brauchen“, sagt Heiko Schober.

Die Footballer bewegen in Holzgerlingen also eine Menge Holz, auch wenn die Kohle eher knapp ist. Selbstverständlich bringen die Spieler ihre Ausrüstung selbst mit. Vom Helm bis zu den Schuhen geht es da bei 500 Euro los. Für die Trainingslager greifen sie ebenfalls selbst in die Taschen. Und durch den Aufstieg steigen nicht alleine wegen der weiteren Busfahrten die Kosten. Schon die Lizenzgebühr für das deutsche Unterhaus in Höhe von 3200 Euro plus 1000 Euro Kaution belasten die Abteilung. „Das hört sich nach wenig an, ist für uns aber eine stolze Summe“, sagt Heiko Schober.

Für das Abenteuer 2. Liga wollen sich die Twister in der Umgebung umschauen. Die Böblingen Bears, die Red Knights Tübingen oder die Wilddogs aus Pforzheim könnten Adressen sein. Vielleicht verschlägt es den einen oder anderen Hochkaräter aus beruflichen Gründen in die Nähe.

Dagegen stehen nur zwei Abgänge fest: Der 27-jährige Abwehrspezialist Marc Oltzscher ist nach Braunschweig umgezogen. Aus privaten Gründen legt der 28-jährige Runningback Martin Ehrenfried den Helm in den Schrank. Am Sonntag hatte er in seinem letzten Spiel die Twister mit seinem Touchdown gegen die Ingolstadt Dukes wieder ins Spiel gebracht und war somit einer der Architekten des Aufstiegs.

Wieder setzen die Twister auf den Wohlfühlfaktor und hoffen somit auch, dass der ein oder andere möglichen Lockrufen aus der Bundesliga widersteht und am Schönbuchrand bleibt. Das gilt auch für den Nachwuchs, der durch die Bank starke Leistungen zeigt. Nicht umsonst fahren die Jüngsten am Wochenende mit 39 Nachwuchsspielern zu den deutschen Meisterschaften im Flag Football. „Talente haben wir genügend. Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen“, sagt Heiko Schober, der den Twisternachwuchs im Landesvergleich insgesamt auf Platz zwei hinter Schwäbisch Hall ansiedelt.

Keine Experimente, was die Finanzen angeht. Viel Herzblut auf und abseits des Spielfelds. Die Twister gehen einen Weg, mit dem man sich gerne identifiziert. Wenn auf diese Weise die 2. Liga zur noch größeren Herausforderung wird, nimmt das Heiko Schober gerne an. Die Gegner werden stärker, die Kleiderschränke größer und schwerer, die Spiele hochklassiger. „Spiele wie gegen den Meister aus Darmstadt und Ingolstadt, sind nächste Saison die Regel“, sagt Heiko Schober. Sollten diese wie am Sonntag laufen – volles Haus, Herzschlagfinale, Happy end – „dann könnte ich mich daran gewöhnen“.

Info und Bildergalerie:

Am 23. Oktober stellt die erste Mannschaft der Twister an einem Info-Abend in der Schönbuchhalle das Rahmen- programm für die kommende Runde vor. Trainingsauftakt ist im November, Saisonstart gegen Ende April 2014. Eine Bildergalerie vom Spiel gegen die Ingolstadt Dukes gibt es auf www.szbz.de.

Der Wirbelsturm ist erst mal platt: die Twister kurz nach dem entscheidenden Aufstiegsspiel gegen die Ingolstadt Dukes. Bei diesem Football-Krimi waren die Holzgerlinger eigentlich schon weg vom Fenster und kamen vor 850 Zuschauern doch noch zurück. Jetzt heißt es durchschnaufen und Luft holen, die Brocken werden nächstes Jahr noch härter.

SZBZ, 25.09.2013